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Die Philosophie von Oliver Reichenstein

Eintrag erstellt am 27 Nov 2011

Der spannendste Vortrag des Webfontdays letzte Woche war für mich der von Oliver Reichenstein (laut eigener Aussage, kennt er niemanden der mehr Ahnung von Typografie als er selbst hat) – auch wenn er am wenigstens mit dem eigentlichen Thema Webfonts zu tun hatte.

Wer ihm auf Twitter folgt, hat mitbekommen, dass er seit kurzem seine Vorträge ohne Slides hält, sich also ganz auf das Akkustische konzentriert. So auch heute auf der Bühne in München. In 45 Minuten erzählte er dem Publikum von seiner Leidenschaft für Typografie und wie diese entstand.



Oliver Reichenstein Webfontday 2011


Alles begann mit seinem 8-jährigen Studium der Philosophie. Eine Disziplin die ihm gelehrt, dass man viele Fragen stellen muss und wie man Leere schafft. Leere die wieder gefüllt werden musste. Als er nachdem Studium seine Karriere als Texter in einer Agentur begann, fühlte er sich schnell zum Visuellen hingezogen und war scharf darauf „in Photoshop herumzupfuschen“. Was seine Kollegen allerdings zu verhindern wussten. Bei seiner nächsten Anstellung bei Interbrand erging es ihm ähnlich. Dazu kam laut eigenen Worten der Fakt, dass er als Verkäufer mit den von den Designern der Agentur abgelieferten Entwürfe derart unzufrieden war, dass er sie dem Kunden so nicht präsentieren wollte. Stattdessen verbrachte er seine Nächte damit, sich selbst ins Design einzuarbeiten und eigene Entwürfe zu erstellen, was vermutlich nicht auf allzuviel Begeisterung bei seinen Kollegen gestoßen sein dürfte.

Nachdem er sich mit seiner Agentur „Information Architects“ selbstständig gemacht hatte, nannte er sich auf Grund seiner fehlenden Ausbildung auch nicht Designer, sondern Informationsarchitekt. Seine Kunden beäugten ihn immer etwas komisch und bezweifelten, dass er Dinge „auch so hübsch“ machen konnte wie die „richtigen“ Designer. Zu Gute kam ihm aber der Fakt, dass er von Japan aus operierte, das vermeintlich Exotische sorgte für Eindruck bei Geschäftspartner.


Auch das Leben an sich in Japan kam seiner Weiterentwicklung zu Gute. Da er Anfangs die Sprache nicht verstand, musste er sich rein am Visuellen orientieren und begann seine Umgebung mit ganz anderen Augen zu sehen. Er merkte, dass eigentlich die ganze Welt aus „Interfaces“ besteht, er sah überall die unsichtbaren Linien. Nachdem er Japanisch gelernt hatte, bekam die Beschriftung eine Bedeutung und die vorher vorhandene Ruhe war auf einmal weg.

Was ihn weiterhin beschäftigte war die Tatsache, dass er in der Gestaltung zwar Seiten aufräumen konnte, aber Dinge nicht schön machen konnte. Typografie war ihm immer etwas unheimlich. Er fragte sich was das Geheimnis dahinter war. Durch seine Erfahrungen mit den japanischen Schriftsystemen (es gibt drei komplett unterschiedliche sehr komplizierte Systeme), wurde ihm klar, dass der Umgang mit den vergleichsweise einfachen westlichen Systemen so schwer eigentlich nicht sein konnte. Er beschäftigte sich daraufhin mehr mit Typografie, begann Bücher über das Thema zu lesen und entwickelte langsam ein Auge dafür.

Als er in einem Blogbeitrag seine berühmte These „Webdesign is 95% Typograph“ veröffentlichte, ging es ihm vor allem um Provokation, da er das Gefühl hatte, dass sich niemand mehr um Typografie kümmert. Als aktuelles Beispiel dafür nannte er iBooks, was nach seiner Meinung eine einzige typografische Sauerei sei. Im Rahmen der Aufmerksamkeit die er mit seinem Blogbeitrag verursachte, wurden auch immer mehr Kunden auf ihn aufmerksam, und seine Agentur betreute in den folgenden Jahren vor allem viele Zeitungen.


Mit der Zeit wurde ihm diese Arbeit etwas eintönig. Nach einiger Zeit kam dann das Thema Apps (als Mittel für Zeitungen zur Publikation ihrer Inhalte) auf und er beschäftigte sich einige Zeit damit. Letztendlich hätten er und seine Agentur in den Prozessen aber gemerkt, dass “das nicht hinhaut” und er war der Meinung “Macht mal eure Apps, wir halten uns da raus”.

Stattdessen wollte er die Zeit und das verdiente Geld nutzen um etwas eigenes zu machen, bis irgendwann auch seine Auftraggeber merken würden, dass die Zukunft nicht in Apps sondern in HTML-Browser Lösungen liegt.

In der Zusammenarbeit mit Journalisten in den vergangenen Jahren hatte er gemerkt, dass diese oftmals keine Ahnung von Computern haben und sich nicht um Technik kümmern wollen. Das zeigt sich vor allem in Zusammenhang mit Schreibprogrammen (alle bisherigen sind laut seiner Meinung nach absoluter Mist), wie z.B. Word, welches viel zuviel sei und nie das macht was der Benutzer will. Anstatt, dass die Leute anfangen zu schreiben, beschäftigen sie sich viel zu lange mit dem Interface oder fummeln mit unterschiedlichen Schriften herum. Er entschied sich darauf, eine eigene Applikation zu entwickeln, welche all diese Missstände behebt: Ein Programm zum schreiben, nicht zum fummeln. Das Ergebnis dürfte wohl allgemein bekannt sein, der iA Writer.

Die Applikation enthält zum Beispiel den Focus Mode (ich benutze diesen gerade), der immer nur den aktuellen Satz hervorhebt. Das entspricht der Philosophie von Oliver Reichenstein, für den Schreiben wie Bergsteigen sei: Schritt für Schritt, nur nicht an den Gipfel denken. Die Entwicklung des Programms kam ihm in diesem Zusammenhang wie das Besteigen des Mount Everests vor.

Im Abschluss hielt er noch ein Plädoyer für das Verwenden von großen Schrifgraden für Bildschirmdarstellung. Schon am Anfang seiner Karriere stieß er bei einem Projekt auf Widerstand, als er 12 Pixel als Schriftgröße für den Fließtext einer Website vorschlug. Heute seien selbstverständlich auf Grund der höheren Auflösungen noch viel größere Schriftgrade von Nöten, die 16 Pixel Georgia, die mal als perfekt galt, sei überholt.

Allerdings gestalte sich dieses Thema sehr komplex, da heute sehr viele unterschiedliche Geräte und Systeme und auch unterschiedlichste Anwendungssituationen bedacht werden müssten.

Insgesamt ein sehr inspirierender Vortrag, Oliver konnte das Publikum mit seinem Weg zur Typografie sehr begeistern und sorgte für leuchtende Augen und viele Lacher.

Auch lieferte er eines der schönsten Zitate des Tages: „(Gute) Typografie ist Turbo für die Usability einer Website“.

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