{"id":740,"date":"2011-11-27T17:26:55","date_gmt":"2011-11-27T16:26:55","guid":{"rendered":"http:\/\/johannes-heuckeroth.de\/blog\/?p=740"},"modified":"2018-04-10T20:10:17","modified_gmt":"2018-04-10T18:10:17","slug":"die-philosophie-von-oliver-reichenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/johannes-heuckeroth.de\/blog\/webdesign\/die-philosophie-von-oliver-reichenstein\/","title":{"rendered":"Die Philosophie von Oliver Reichenstein"},"content":{"rendered":"<p>Der spannendste Vortrag des <a href=\"http:\/\/johannes-heuckeroth.de\/blog\/webfonts\/webfontday-2011\/\">Webfontdays<\/a> letzte Woche war f\u00fcr mich der von Oliver Reichenstein (laut eigener Aussage, kennt er niemanden der mehr Ahnung von Typografie als er selbst hat) \u2013 auch wenn er am wenigstens mit dem eigentlichen Thema Webfonts zu tun hatte. <\/p>\n<p>Wer ihm auf Twitter folgt, hat mitbekommen, dass er seit kurzem seine Vortr\u00e4ge ohne Slides h\u00e4lt, sich also ganz auf das Akkustische konzentriert. So auch heute auf der B\u00fchne in M\u00fcnchen. In 45 Minuten erz\u00e4hlte er dem Publikum von seiner Leidenschaft f\u00fcr Typografie und wie diese entstand.<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/johannes-heuckeroth.de\/wbfntdy\/wbfntdy-8.jpg\" alt=\"Oliver Reichenstein Webfontday 2011\" width=\"500\" height=\"auto\" \/><br \/>\n<br \/>\nAlles begann mit seinem 8-j\u00e4hrigen Studium der Philosophie. Eine Disziplin die ihm gelehrt, dass man viele Fragen stellen muss und wie man Leere schafft. Leere die wieder gef\u00fcllt werden musste. Als er nachdem Studium seine Karriere als Texter in einer Agentur begann, f\u00fchlte er sich schnell zum Visuellen hingezogen und war scharf darauf \u201ein Photoshop herumzupfuschen\u201c. Was seine Kollegen allerdings zu verhindern wussten. Bei seiner n\u00e4chsten Anstellung bei Interbrand erging es ihm \u00e4hnlich. Dazu kam laut eigenen Worten der Fakt, dass er als Verk\u00e4ufer mit den von den Designern der Agentur abgelieferten Entw\u00fcrfe derart unzufrieden war, dass er sie dem Kunden so nicht pr\u00e4sentieren wollte. Stattdessen verbrachte er seine N\u00e4chte damit, sich selbst ins Design einzuarbeiten und eigene Entw\u00fcrfe zu erstellen, was vermutlich nicht auf allzuviel Begeisterung bei seinen Kollegen gesto\u00dfen sein d\u00fcrfte. <\/p>\n<p>Nachdem er sich mit seiner Agentur \u201eInformation Architects\u201c selbstst\u00e4ndig gemacht hatte, nannte er sich auf Grund seiner fehlenden Ausbildung auch nicht Designer, sondern Informationsarchitekt. Seine Kunden be\u00e4ugten ihn immer etwas komisch und bezweifelten, dass er Dinge \u201eauch so h\u00fcbsch\u201c machen konnte wie die \u201erichtigen\u201c Designer. Zu Gute kam ihm aber der Fakt, dass er von Japan aus operierte, das vermeintlich Exotische sorgte f\u00fcr Eindruck bei Gesch\u00e4ftspartner.<br \/>\n<br \/>\nAuch das Leben an sich in Japan kam seiner Weiterentwicklung zu Gute. Da er Anfangs die Sprache nicht verstand, musste er sich rein am Visuellen orientieren und begann seine Umgebung mit ganz anderen Augen zu sehen. Er merkte, dass eigentlich die ganze Welt aus \u201eInterfaces\u201c besteht, er sah \u00fcberall die unsichtbaren Linien. Nachdem er Japanisch gelernt hatte, bekam die Beschriftung eine Bedeutung und die vorher vorhandene Ruhe war auf einmal weg. <\/p>\n<p>Was ihn weiterhin besch\u00e4ftigte war die Tatsache, dass er in der Gestaltung zwar Seiten aufr\u00e4umen konnte, aber Dinge nicht sch\u00f6n machen konnte. Typografie war ihm immer etwas unheimlich. Er fragte sich was das Geheimnis dahinter war. Durch seine Erfahrungen mit den japanischen Schriftsystemen (es gibt drei komplett unterschiedliche sehr komplizierte Systeme), wurde ihm klar, dass der Umgang mit den vergleichsweise einfachen westlichen Systemen so schwer eigentlich nicht sein konnte. Er besch\u00e4ftigte sich daraufhin mehr mit Typografie, begann B\u00fccher \u00fcber das Thema zu lesen und entwickelte langsam ein Auge daf\u00fcr. <\/p>\n<p>Als er in einem Blogbeitrag seine ber\u00fchmte These <a href=\"http:\/\/www.informationarchitects.jp\/en\/the-web-is-all-about-typography-period\/\">\u201eWebdesign is 95% Typograph\u201c<\/a> ver\u00f6ffentlichte, ging es ihm vor allem um Provokation, da er das Gef\u00fchl hatte, dass sich niemand mehr um Typografie k\u00fcmmert. Als aktuelles Beispiel daf\u00fcr nannte er iBooks, was nach seiner Meinung eine einzige typografische Sauerei sei. Im Rahmen der Aufmerksamkeit die er mit seinem Blogbeitrag verursachte, wurden auch immer mehr Kunden auf ihn aufmerksam, und seine Agentur betreute in den folgenden Jahren vor allem viele Zeitungen.<br \/>\n<br \/>\nMit der Zeit wurde ihm diese Arbeit etwas eint\u00f6nig. Nach einiger Zeit kam dann das Thema Apps (als Mittel f\u00fcr Zeitungen zur Publikation ihrer Inhalte) auf und er besch\u00e4ftigte sich einige Zeit damit. Letztendlich h\u00e4tten er und seine Agentur in den Prozessen aber gemerkt, dass &#8222;das nicht hinhaut&#8220; und er war der Meinung &#8222;Macht mal eure Apps, wir halten uns da raus&#8220;. <\/p>\n<p>Stattdessen wollte er die Zeit und das verdiente Geld nutzen um etwas eigenes zu machen, bis irgendwann auch seine Auftraggeber merken w\u00fcrden, dass die Zukunft nicht in Apps sondern in HTML-Browser L\u00f6sungen liegt. <\/p>\n<p>In der Zusammenarbeit mit Journalisten in den vergangenen Jahren hatte er gemerkt, dass diese oftmals keine Ahnung von Computern haben und sich nicht um Technik k\u00fcmmern wollen. Das zeigt sich vor allem in Zusammenhang mit Schreibprogrammen (alle bisherigen sind laut seiner Meinung nach absoluter Mist), wie z.B. Word, welches viel zuviel sei und nie das macht was der Benutzer will. Anstatt, dass die Leute anfangen zu schreiben, besch\u00e4ftigen sie sich viel zu lange mit dem Interface oder fummeln mit unterschiedlichen Schriften herum. Er entschied sich darauf, eine eigene Applikation zu entwickeln, welche all diese Missst\u00e4nde behebt: Ein Programm zum schreiben, nicht zum fummeln. Das Ergebnis d\u00fcrfte wohl allgemein bekannt sein, der <a href=\"http:\/\/www.iawriter.com\/\">iA Writer<\/a>. <\/p>\n<p>Die Applikation enth\u00e4lt zum Beispiel den Focus Mode (ich benutze diesen gerade), der immer nur den aktuellen Satz hervorhebt. Das entspricht der Philosophie von Oliver Reichenstein, f\u00fcr den Schreiben wie Bergsteigen sei: Schritt f\u00fcr Schritt, nur nicht an den Gipfel denken. Die Entwicklung des Programms kam ihm in diesem Zusammenhang wie das Besteigen des Mount Everests vor.<br \/>\n<\/p>\n<p>Im Abschluss hielt er noch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Verwenden von gro\u00dfen Schrifgraden f\u00fcr Bildschirmdarstellung. Schon am Anfang seiner Karriere stie\u00df er bei einem Projekt auf Widerstand, als er 12 Pixel als Schriftgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr den Flie\u00dftext einer Website vorschlug. Heute seien selbstverst\u00e4ndlich auf Grund der h\u00f6heren Aufl\u00f6sungen noch viel gr\u00f6\u00dfere Schriftgrade von N\u00f6ten, die 16 Pixel Georgia, die mal als perfekt galt, sei \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Allerdings gestalte sich dieses Thema sehr komplex, da heute sehr viele unterschiedliche Ger\u00e4te und Systeme und auch unterschiedlichste Anwendungssituationen bedacht werden m\u00fcssten. <\/p>\n<p>Insgesamt ein sehr inspirierender Vortrag, Oliver konnte das Publikum mit seinem Weg zur Typografie sehr begeistern und sorgte f\u00fcr leuchtende Augen und viele Lacher.<\/p>\n<p>Auch lieferte er eines der sch\u00f6nsten Zitate des Tages: \u201e(Gute) Typografie ist Turbo f\u00fcr die Usability einer Website\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der spannendste Vortrag des Webfontdays letzte Woche war f\u00fcr mich der von Oliver Reichenstein (laut eigener Aussage, kennt er niemanden der mehr Ahnung von Typografie als er selbst hat) \u2013 auch wenn er am wenigstens mit dem eigentlichen Thema Webfonts zu tun hatte. 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